Tag12 – Wo die Freiheit Europas begann

Tag12 – Wo die Freiheit Europas begann

September 30, 2018 1 Von mamaladnamala

Gefahrene km: 372

Zeit hinterm Steuer: 10h

Fragt jetzt bloß nicht nach dem Sprit!

Durchfahrene Länder: FR

 

Wir starten den Tag wie bisher fast immer um 7:30.

Doch bevor wir das Zelt einpacken, gehen wir nach der Morgenwäsche einen kleinen Betonweg einen recht steilen Abhang auf das Meer zu.

Wir passieren noch auf dem Campingplatz 4 kleine Bunkeranlagen und stehen jetzt vor einem Steg, der auf einem meterhohen Betonbrocken ruht und etwa 30 Meter ins Meer ragt. Der breite Sandstrand kommt uns unheimlich bekannt vor, obwohl wir noch nie hier waren. Wir drehen uns um und sehen die hohen Klippen von Omaha Beach. Viel geredet wird nicht.

Wir verlassen den Campingplatz, indem wir einen Code ins Zahlenschloss an der Schranke tippen müssen. Er lautet “1944”

Direkt vor dem Zeltplatz machen wir Halt, denn hier sind uns in der gestrigen Dunkelheit schon einige Panzersperren aufgefallen. Es ist ein kleines Museum, auf dessen Außenbereich neben einem zerbeulten Rolls-Royce Flugzeugmotor mehrere Bomben, Torpedos, Geschütztürme, Flak-Anhänger und eine bestimmt 3 Meter hohe, 30cm dicke und völlig zerschossene, stählerne Bunkerkuppel stehen. Die Panzersperren aus Stahlbeton überragen das Dach des über 2 Meter hohen VW-Bullis neben uns.

Wir fahren weiter, passieren das “Overlord Museum”, auf dessen Grünfläche Amerikanische und Englische Panzer stehen und das benannt ist nach der Operation Overlord: Der Landung der alliierten Truppen in der Normandie zum D-Day am 6.6.1944 und biegen ab auf den amerikanischen Soldatenfriedhof.

Wir stehen zwischen schneeweißen Kreuzen so weit das Auge reicht. In perfekten Reihen. Längs, quer, diagonal. Alle auf gleicher Höhe, kein einziges neigt sich in irgendeine Richtung. Zwischen ihnen vereinzelt Davidsterne gefallener Juden. Die meisten von ihnen tragen Namen, Herkunft, Regiment und Todestag. Die Stars and Stripes weht hoch oben im Küstenwind. Hinter der kleinen Mauer sehen wir wieder hinab auf den weitläufigen Strand von Omaha Beach und sind verdammt glücklich, durch ein uns selbstverständlich vorkommendes, vereintes Europa reisen zu dürfen.

Die Zeit vergeht und wir starten widerwillig von diesem Ort. Doch es liegen noch etliche Kilometer vor uns, denn das Ziel heißt Calais. Wir fahren entlang der Landstraßen und durchqueren erstaunlich viele kleine Ortschaften, die nicht in unserer Karte angezeigt werden. Da die Franzosen auf den Hauptstraßen gerne auf Tempo 30 begrenzen und dies durch Asphalthaufen auch erfolgreich realisieren, kommen wir mit unserer tief liegenden S-Klasse nicht so schnell vorwärts, wie wir es uns erhofft hatten. Zudem geht das ständige Bremsen, Gas geben und nach den Ortsnamen suchen mächtig auf unsere Substanz.

Es wird Abend, wir halten an einer großen Fastfoodkette und besprechen unser weiteres Vorgehen. Mit dem bisherigen Tempo kommen wir nicht bis Calais und da morgen der letzte Tag ist, wäre dann auch Autobahn fahren wieder erlaubt. Viele Alternativen werden beredet um am Ende auf die beste Lösung zu kommen: Wir fahren nur noch um die Ecke zum Strand, Campen wild und schlafen bis 12 in der Nacht. Danach ist Autobahnfahren erlaubt und so können wir in der Dunkelheit Strecke machen.

Wir fahren ans Meer, auf einen Platz hinter den Dünen und klappen die Sitze des 500ers nach hinten. Draußen ist es noch angenehm warm und so sitzen wir zu viert zwischen den beiden Autos, trinken Bier und mampfen Burger.

Bevor wir uns aufs Ohr hauen gehen wir noch durch die Dünen auf den Strand und stehen plötzlich vor einer beängstigend großen, zersprengten und vom Meer unterspülten Bunkeranlage der Nazis. Sie ist bis auf 2 Meter Höhe überzogen mit Graffitis, doch die einzelnen Elemente sind teils um ein Vielfaches höher. Dazwischen liegen Tunnelsegmente, die scheinbar aus der Düne gewaschen wurden. Im Licht unserer Taschenlampe erkennen wir Betonwände, die weit über 2 Meter dick sind und rostige Gewindebolzen, die wahrscheinlich einmal eine große Waffe gehalten haben.

Die Spiegelreflex samt kleinem Reisestativ ist mit dabei, hoch über dem Bunker leuchtet der Vollmond bei fast sternenklarer Nacht und im Hintergrund überdeckt orangenes Straßenlicht wie eine Glocke eine große Stadt. Es werden beeindruckende Fotos.